Endlich keine Statistik mehr!

In der überarbeiteten Ausgabe ISO 9001:2015 sind alle Vorgaben verschwunden, in denen statistische Methoden gefordert wurden. Dafür hat das Thema Risikomanagement ein deutlich stärkeres Gewicht bekommen. Auf den ersten Blick könnte damit bei Anwendern so der  Eindruck entstehen, Statistik ist jetzt überflüssig. Doch stimmt dieser Eindruck?

Risikomanagement und Statistik

Um Risiken für das Unternehmen zu finden, müssen die Prozesse im Unternehmen bekannt und mögliche Schwierigkeiten oder Fehlermöglichkeiten identifiziert werden. Das ist mit scharfem Nachdenken und Prozesskenntnissen ohne Statistik möglich. Nach der Idenfikation möglicher Risiken wird die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten bewertet. Und schon ist die Statistik wieder durch die Hintertür da.

Nun lassen sich diese Wahrscheinlichkeiten auf verschiedene Wege finden. Eine einfache Variante ist die Zuordnung z. B. von Zahlen zwischen 1 (äußerst unwahrscheinlich) und 10 (tritt auf jeden Fall ein). Gefühlt ist diese Zuordnung noch keine „echte“ Statistik, auch wenn hierbei den Wahrscheinlichkeits-Beschreibungen Zahlen zugeordnet werden.

Neben der Zuordnung lässt sich für die Wahrscheinlichkeit von Fehlermöglichkeiten noch sehr viel mehr Statistik einsetzen, z. B. um zu berechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Fehler in einem Teilprozess ist. Hierbei können Verfahren wie Ursache-Wirkungs-Modelle, Prozessfähigkeitsbewertungen oder statistische Versuchsplanung (DoE) eingesetzt werden, mit denen Fehlerwahrscheinlichkeiten in Zahlen ausgedrückt werden können. Die statistischen Möglichkeiten sind dabei nicht auf Messgrößen beschränkt, denn auch das Auftrittsrisiko für einen Fehler kann über statistische Methoden in Zahlen angegeben werden.

Giovanni und die Statistik

Schauen wir uns das am Beispiel von Giovannis Pizzaservice an. (Wer Giovanni noch nicht kennt, kann hier im Beitrag „Für alle Fans von Giovannis Pizzaservice“ von Martin S eine sehr gute Einführung in die Grundidee der DIN ISO 9001 finden.) Braucht Giovanni Statistik, um die Risiken für seine Kernprozesse Kundenbestellung aufnehmen, Pizza backen, Pizza ausliefern zu bewerten?

Ein Risiko für Giovannis Pizzaservice ist, dass keine Pilze für die Pizza Funghi mehr im Lager sind. Das ist in der Vergangenheit immer mal wieder vorgekommen, so dass Giovanni die Wahrscheinlichkeit für „keine Pilze vorhanden“ mit 8 bewertet (und damit schon statistische Methoden angewendet hat). Wenn er sich in der Vergangenheit aufgeschrieben hätte, wie oft Pilze fehlten, könnte er auch das Risiko für den Fehler „keine Pilze vorhanden“ berechnen und damit mehr Wissen und eine höhere Sicherheit in seinen Prozessen erreichen.

Giovanni entscheidet, dass der Vorrat an Pilzen größer sein muss, um zukünftig den Fehler „keine Pilze vorhanden“ zu vermeiden. Auch hierbei kann Giovanni aus dem Bauch heraus den notwendigen Lagerbestand auf eine beliebige Menge erhöhen, doch wenn er zu viele Pilze im Lager hat, bindet das unnötig Kapital. Bei frischen Pilzen erhöht sich damit zusätzlich das Kostenrisiko durch verdorbene Ware. Die Statistik kann auch in diesem Fall helfen: Giovanni zählt, wie viele Pizza Funghi er pro Tag verkauft. Er schaut sich die durchschnittliche Anzahl pro Tag an und die kleinste und größte Anzahl an verkauften Pizza Funghi. Damit kann er abschätzen, wie viele Pilze er in seinem Vorrat benötigt, um einerseits seinen Kunden immer die gewünschte Pizza verkaufen zu können und andererseits so wenig Kapital wie möglich im Lager zu binden. Giovanni hat dafür Kennzahlen berechnet und eine Vorhersage gemacht. Beides sind statistische Methoden, ohne die er sehr viel höhere Risiken in seinen Kernprozessen hätte.

Praxisbeispiel Statistik

Schaubild 1: Anzahl verkaufte Pizza Funghi pro Tag
1 Punkt = Anzahl an 1 Tag; Punkte nebeneinander zeigen gleiche Verkaufszahlen
95%-Grenze bei 33
Ergebnis: Immer so viele Pilze auf Lager haben, dass 33 Pizza Funghi belegt werden können.

 

Schaubild 2: Anzahl verkaufte Pizza Funghi pro Tag von August bis November
1 Punkt = Anzahl an 1 Tag
Ergebnis: Scheinbar zufällige Verteilung mit zahlreichen Ausschlägen nach oben

 

Schaubild 3: Anzahl verkaufte Pizza Funghi pro Tag von August bis November
1 Punkt = Anzahl an 1 Tag
Blaue Punkte Mo-Do, rote Quadrate Wochenende (Fr-So)
Ergebnis: Am Wochenende werden deutlich mehr Pizza Funghi verkauft
Risiko: unter der Woche zu viele Pilze vorrätig (Frischeproblem), am Wochenende zu wenig Pilze vorrätig (unzufriedene Kunden, Umsatzeinbuße)

 

Schaubild 4: Anzahl verkaufte Pizza Funghi pro Wochentag
1 Punkt = Anzahl an 1 Tag
Punkte nebeneinander zeigen gleiche Verkaufszahlen
95%-Grenze bei 15 für Mo-Do, bei 39 für Wochenende
Ergebnis: Immer so viele Pilze auf Lager haben, dass von Montag bis Donnerstag 15 Pizza Funghi belegt werden können und Freitag bis Sonntag 39 Pizza Funghi

Fazit: Braucht die ISO 9001:2015 keine Statistik mehr?

Doch, denn die Statistik ist ein essentieller Bestandteil des Risikomanagements. Es wäre auch unabhängig von der ISO 9001:2015 aus unternehmerischer Sicht unsinnig, auf statistische Methoden zu verzichten und Entscheidungen allein auf Grundlage von Erfahrung und Bauchgefühl zu treffen.
Zahlen umgeben uns alle ständig. Nutzen wir die Information aus diesen Zahlen, um ein besseres Verständnis für die Prozesse, Produkte und Risiken zu bekommen!

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2018-02-14T09:31:44+00:00 9. März 2017|Aus der Praxis, Fachwissen|0 Kommentare

Über den Autor:

Barbara Bredner
Statistische Beratungen und Lösungen Diplom-Statistikerin, Training und Beratung von Unternehmen zur Prozess- und Produktoptimierung mit Statistik, Coaching, Projektbegleitung und Schulungen zu Statistikthemen Unabhängige Moderatorin des Rossmanith QM-Forums

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